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Olaf Dormann von Kuletsch in Köln im Interview

Um ein Haar hätte Olaf Dormann einen Musikalienladen für Samba-Instrumente eröffnet. Zum Glück hat er das schnell wieder verworfen und blieb seinem lang gehegten Wunsch eines Lakritzwarenladens treu. Knapp 7 Monate lagen zwischen dem Startschuss der Idee und der Eröffnung von Kuletsch, die schließlich am 26. September 2020 stattfand. 


Erfahre in diesem Interview, wo der Lakritz-Äquator liegt, wie Olaf neue Produkte für seinen Laden aufspürt, wie der Arbeitsalltag eines Lakritzwarenladeninhabers aussieht und was ihm an dem Konzept der Kulinarischen Schnitzeljagd gefällt.


Wie sieht dein beruflicher Werdegang aus, was hast du vor Kuletsch gemacht? Zunächst habe ich eine Ausbildung zum Schildermaler in Düsseldorf gemacht. Das war in den 80er Jahren und dort bin ich dann in der Berufsschule mit dem Computer konfrontiert worden - das hat mir total viel Spaß gemacht! Und als ich mit meiner Ausbildung fertig war, bin ich in den Druck- und Medienbereich gegangen, habe mich da weitergebildet und bin dann über eine Großformatsiebdruckdruckerei in Opladen in die Pharmabranche gekommen und war schließlich für das Marketing und Layout für Pharmaverpackungen zuständig und habe dort dann 20 Jahre in Monheim gearbeitet. Ich habe mich dann immer weiter auf Verpackungsentwicklung spezialisiert. Danach war ich in Aachen in einer Pharmafirma, habe dort auch länger gearbeitet und habe zu der Zeit aber immer schon gesagt „Boar, so einen Lakritzladen, den müsste man mal aufmachen.“ Oder „Wenn nichts mehr geht, mache ich einen Laktritzladen auf!“ Mit diesem Spruch bin ich drei Jahre lang herumgelaufen, ich habe mich da aber nie drauf versteift. Ich habe dann nochmal die Stelle gewechselt und da hat es mir nicht so gut gefallen und da habe ich dann gedacht: „Jetzt mache ich das mit dem Lakritzladen!“


Also wurde aus den Worten, bzw. dem Spruch, den du immer wieder gesagt hast, schließlich Taten! Ja, auf jeden Fall. Natürlich bin ich, wenn ich mich damit beschäftigt habe, von euphorischen Momenten in ganz ängstliche Momente hineingestapft. Wenn man sich überlegt, dass man den sicheren Hafen der Sozialversicherung und der Rentenversicherung verlässt, zumal in der Pharmabranche ja auch die Gehälter schön sind. Schließlich haben mir dann auch Freunde den Schubs gegeben und mir gesagt, ich würde nichts verlieren, wenn ich hier und dort mal hingehe und herausfinde, was zum Beispiel die Miete eines Ladenlokals kostet. Das waren sehr wichtige Momente. Letztendlich stand ich vor der vollendeten Tatsache, dass der Laden an der Eigelstein-Torburg zu vermieten war und ich auch noch das Glück hatte, ihn mieten zu können und dann habe ich angefangen, von hinten das Pferd aufzuzäumen. Ich habe den Laden gemietet nach dem Motto, dass es jetzt nicht mehr anders geht und ich allen Mut zusammennehmen muss. Und zu dem Zeitpunkt habe ich erst angefangen, einen Businessplan zu schreiben. Ich hatte aber auch Glück und bin früh genug nach Berlin gefahren, zu mittlerweile guten Freunden, die da auch Lakritzläden haben und die so nett waren mir zu sagen, wie viel sie verdienen und das hat mir dann eine Sicherheit gegeben, das wirklich zu machen. Weil ich wusste, dass das klappen kann. Und es klappt. Volle Kanne!


Warum hast du dich für Lakritz entschieden und nicht für einen allgemeinen Süßwarenladen? Was fasziniert dich an Lakritz? Ich habe mich zum einen für Lakritz entschieden, weil mir Lakritz sehr nahe ist und ich aus einer Lakritz-Familie komme, alle essen bei uns Lakritz. Das Witzige ist auch, dass bei mir Zuhause wirklich „Kolitsch“ gesagt wird, auf Monheimer Platt, wobei ich mich jetzt natürlich für die Kölner Schreibweise mit U und E, also Kuletsch, entschieden habe. Es ging mir auch darum, dass wenn ich mich in irgendeinem Bereich verwirkliche, dass ich dann – ich will nicht sagen krisensicher bin – aber ich mich in einem Umfeld bewege, in dem es noch nicht so viele Angebote dieser Art gibt. Da hat es natürlich eine Rolle gespielt, dass die Bärendreck Apotheke in Köln zugemacht hat. Da habe ich mir dann überlegt, ob ich diese Lücke füllen möchte oder nicht und kam zu dem Entschluss, dass eine Großstadt durchaus ein bis zwei Laktritzläden vertragen kann, also nördlich des Lakritz-Äquators.


Es gibt einen Lakritz-Äquator? Ja, genau. Südlich der Rhein-Main-Linie läuft Lakritz ganz schlecht und wir sind ja zum Glück nördlich genug davon und das ist immer ein bisschen ein Garant dafür, dass das funktioniert. Ein weiterer Standortvorteil hier ist, das Holland in der Nähe ist und die Leute daher auch salziges Lakritz kennen oder auch gutes süßes Lakritz anstatt nur Lakritz von Haribo, die ja relativ früh angefangen haben, Lakritzfirmen aufzukaufen und uns Deutsche dadurch in eine „Lakritz-Gaumen-Monotonie“ reingeschubst haben. Daher spielt das eine große Rolle, dass wir so nah an Holland dran sind und dadurch andere Lakritzsorten kennengelernt haben.

Olaf Dormann von KuletschDu hast ja gerade schon angesprochen, dass man mit Lakritzwaren durchaus eine Nische füllen kann und anhand deines Sortiments sieht man auch, dass es so viel mehr jenseits von Süßigkeiten aus Lakritz gibt: Nach welchen Kriterien wählst du die Produkte aus, die du in deinem Laden anbietest und wo entdeckst du sie?  Ich mache sehr viel aus dem Gefühl heraus, was mich auch selber interessiert. Da recherchiere ich dann, wo ich das herbekomme. Oder ich habe ja auch Hilfe aus Berlin, ich bin ja Mitglied der sogenannten Lakritz-Mafia. Wir sind sieben Leute und ich bin die Außenstelle Köln und die anderen sitzen überwiegend in Potsdam und Berlin. Wir haben alle paar Tage Kontakt und dort kann ich jederzeit Fragen stellen, die mir von alten Hasen, die schon seit 19 Jahren in dieser Branche arbeiten, beantwortet werden. Natürlich begebe ich mich auch selbst auf die Suche und bisher hatte ich eine gute Trefferquote, dass das, was ich finde, bei den Kunden auch gut ankommt. 


Denkst du dir dann manchmal, dass du beispielsweise auf salzigen Geschmack Lust hast und den gerne in flüssiger Gestalt und dann suchst du nach einem Produkt, das diesen Kriterien entspricht? Ja, auf jeden Fall. Um nur ein Beispiel dafür zu nennen: wir haben in Deutschland einen Engpass, was Lakritz-Eis anbelangt, das bekommt man ja hier so gut wie gar nicht. Und dann habe ich überlegt, wie man das eventuell selbstmachen könnte und habe gesehen, dass es süße und salzige Lakritz-Sirups gibt. Also habe ich geguckt, wo ich die herbekomme, um das meinen Kunden auch anzubieten. Viele Leute kommen in den Laden und schwärmen mir von dem Lakritz-Eis vor, das sie in ihrem Urlaub in Skandinavien gegessen haben und wie schade es ist, dass es das hierzulande nicht gibt. Und da weise ich dann auf die Sirupflaschen hin und sage ihnen, dass sie das damit selbstmachen können. Oder ich bekomme auch Tipps von meinen Kunden und probiere das dann auch. Zum Beispiel dass man  von Meersalz mit einer leichten Lakritznote, eine Prise in den Kaffee geben kann und das dann die Bitterstoffe rausnimmt und der Kaffee dadurch besser verträglich ist und man zugleich eine ganz leises Lakritzaroma hat. 


Wie groß ist dein persönlicher Lakritzkonsum am Tag – schätzungsweise? Ich würde mal sagen, dass es sein kann, dass ich an einem Tag 15 Lakritzstücke esse, dann kann es sein, dass ich an einem anderen Tag nur zwei esse. Ich muss natürlich auch selbst aufpassen und diszipliniere mich da auch, dass ich nicht zu viel esse. Es wird nämlich nicht uninteressant. Es gibt Kunden, die reinkommen und mich fragen, ob ich Lakritze noch sehen könne und ich beantworte diese Frage immer mit einem ganz klaren: „Ja, ich liebe Lakritz!“ Wobei ich dazu sagen muss, dass ich – seitdem ich den Laden habe – kein einziges Kilo zugenommen habe. Aber das hat natürlich auch alles mit einem gewissen Stresslevel zu tun, weil ich auch noch nie so viel gearbeitet habe. Ich bin jetzt eben selbstständig, also „selber“ und „ständig.“ Es wird zwar jetzt etwas besser, weil Routinen auftreten, aber es hat mich wirklich gewundert, und ich klopfe da auch auf Holz, dass ich seit der Eröffnung noch kein Gramm zugenommen habe. Dann denke ich immer „Ach, dann kann ich ja noch ein Lakritzstück essen – die Waage stimmt ja!“


Hast du ein absolutes Lieblingslakritz? Ne, da gibt es zu viele Gute. Aber ich mag salziges Lakritz sehr gerne.


Wie sieht bei dir ein ganz normaler Arbeitstag aus? Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Ich stehe um 8:00 morgens auf, um 8:45 sitze ich meistens schon vor dem Rechner und schreibe E-Mails, bestelle Lakritz, bezahle Rechnungen, telefoniere und dann mache ich mich gegen 10:45 auf den Weg in den Laden, gehe vielleicht nochmal beim Bäcker vorbei und kaufe da etwas für ein 2. Frühstück und mache dann den Laden auf. Als erstes gucke ich, ob etwas nachgefüllt werden muss, aber da weiß ich, dass meine Aushilfen sich da auch immer gut drum kümmern, da habe ich ein super Team. Oft ist es so, dass um 11:02 schon der erste Kunde kommt und dann ist es immer unterschiedlich, wann die Lieferanten ihre Ware bringen und dann muss ich mir Gedanken machen, wie ich diese großen und schweren Kartons entgegennehme. Im Laufe des Tages schnacke ich dann viel mit den Kunden, weil mir diese persönlichen Momente auch sehr wichtig sind und dann kommt gegen 14:00 eine meiner Aushilfen. Das sind drei Studentinnen aus Köln und ich bin super froh, dass ich die habe, und dann wird es für mich auch etwas ruhiger. Neuerdings kann ich auch richtig Mittagspause machen und mal für eine Stunde Essen gehen. Ich bin dann bis 19:00 im Laden, oft klopfen danach noch Kunden an die Tür, die ich dann auch reinlasse. Dann kümmere ich mich um die Kasse, mache verschiedene kleinere Arbeiten im Laden, verlasse den Laden gegen 19:30, laufe zu Fuß nach Hause, denn das sind nur etwa 300 m und dann kann es allerdings vorkommen, dass ich mich Zuhause nochmal an den Rechner setze, weil ich tagsüber neue Aufgaben bekommen habe oder noch etwas für die Steuer oder das Finanzamt erledigen muss. Wobei das Gros dieser Arbeit die Steffi, also meine Frau, macht. Da bin ich auch total glücklich drüber, zumal sie ihren normalen Job ja auch noch hat und sie mich da trotzdem unterstützt und auch Lust drauf hat. Wir arbeiten da also wirklich im Teamwork. Gegen 23:30 gehe ich ins Bett.


Was gefällt dir am Konzept der Kulinarischen Schnitzeljagd? Ich war total begeistert und natürlich auch geehrt, als ihr mich gefragt habt, ob ich bei euch mitmachen möchte und dass nicht ich anfragen musste, ob ihr Bock auf unser Konzept habt. Die Kulinarische Schnitzeljagd stand nämlich in meinem Businessplan. Ich musste sogenannte Milestones benennen und da standet ihr mit drin. Euer Event ist ja ein Marketingkonzept und ein Geldgeber will wissen, wie man das anstellt, damit es vorangeht. Was mir unheimlich gut gefallen hat, ist, dass ihr ein echt cooles Team seid: Alles ist stressfrei, jeder von euch weiß genau, was er tut und das führt dann auch mit dazu, dass alles reibungslos abläuft. Während meiner Teilnahme an drei Schnitzeljagden in diesem Jahr durfte ich dann erleben, dass das auch wirklich eine Gute-Laune-Veranstaltung ist. Da sind echt keine Doofies dabei, die da mitmachen. Die Leute hören aufmerksam zu und stellen super Fragen. Mir macht es dann auch Spaß, egal vor wie vielen Leuten ich stehe, die Geschichte von Kuletsch zu erzählen. Mir gefiel es auch, dass wir für die Touren personell aufrüsten mussten, weil mir schon klar war, dass ich eher vor der Türe stehe und nichts im Laden verkaufen kann. Die Arbeit im größeren Team macht unglaublich Spaß, wenn jeder seine Aufgaben hat oder sich auch Neue finden. Außerdem gefällt mir an dem Konzept der Kulinarischen Schnitzeljagd, dass es eine Veranstaltung für jedermann ist. Ich stehe da vor Menschen jeglicher Couleur – das ist klasse! Ein persönliches Highlight von mir war, als drei ältere Damen mit einem weißen BMW-Cabriolet vorfuhren, das war ganz sauber und schnieke. Auch die Ledersitze sahen aus, als seien sie gerade erst frisch gewachst und die Damen hatten sich richtig schick gemacht und dann stellte sich heraus, dass sie Teilnehmer der Schnitzeljagd waren. Ich fand es total schön zu sehen, dass die Damen sich einen richtig tollen Tag machen und das Event genießen. Das war ein göttliches Bild! 


Wie isst du dein Schnitzel am liebsten? Mit Bratkartoffeln, es darf paniert sein und dann klassisch mit Zitronensaft drüber. Und, sollte ich es in der Nähe haben, gerne auch mit etwas Lakritz-Salz. Salat ist dabei natürlich auch noch sehr wichtig.

Über die Kulinarische Schnitzeljagd

Die Kulinarische Schnitzeljagd ist eine Genusstour, bei der die Teilnehmer ihre Stadt neu erschmecken, allein oder mit Freunden, auf dem Rad oder anders.
In unserem Genussmagazin stellen wir Restaurants, Cafés und Feinkostläden vor und veröffentlichen Interviews und Berichte zu kulinarischen Themen.