Interview mit Meike Koppmann vom Ewilpa®️Mönchengladbach

Im Frühling dieses Jahres eröffnet Meike Koppmann den ersten innerstädtischen Ewilpa®️ Deutschlands. Damit sie sich und den Bürgern der Stadt diesen nachhaltigen Traum erfüllen kann, arbeitet sie in jeder freien Sekunde ehrenamtlich für ihr Herzensprojekt, zu dem sie der Visionär Dr. Markus Strauß inspirierte. Nachdem sie zehn Jahre lang bei einer Versicherung gearbeitet hatte, wechselte sie zu einer Halbtagsstelle in einem Lager, um den Kopf für die Konzeption eines Ewilpa®️ möglichst frei zu halten und all ihre mentale Energie dort reinzustecken. Inzwischen arbeitet sie halbtags im Büro eines hochwertigen und familiengeführten Inneneinrichtungshauses, damit sie ihre laufenden Kosten decken kann. Für alles andere ist sie daher auf Spenden, beziehungsweise auf die Einnahmen künftig geplanter Veranstaltungen in ihrem essbaren Wildpflanzen Park angewiesen.


Im Herbst nimmt sie mit ihrem Ewilpa®️Mönchengladbach an unserer 3. Kulinarischen Schnitzeljagd durch Mönchengladbach teil. Im Interview erfährst du unter anderem, was genau ein Ewilpa®️ ist, welchen Herausforderungen Meike bei dessen Gründung begegnet ist und welche Veranstaltungen sie in Zukunft plant.

 

Du bist zertifizierte Kräuterpädagogin: Bist du das schon länger oder erst seitdem du wusstest, dass du einen Ewilpa®️ gründen möchtest? Als meine Tochter war 15, wollte ich ihr ein Grundwissen über Wildpflanzen mit auf ihren Lebensweg geben, weil ich mit 7 Jahren durch meinen Vater und Wolf-Dieter Storl an Wildpflanzen herangeführt wurde. Für meine Tochter habe ich dann eine Führung gebucht und habe da dann erfahren, dass man auch hier in der Gegend zertifizierte Kräuterpädagogik-Ausbildungen machen kann. Da habe ich mich angemeldet und die Ausbildung zwei Jahre lang am Wochenende parallel zu meinem Job gemacht.


Wie bist du dann letztendlich auf die Idee gekommen, einen Ewilpa®️ in Mönchengladbach zu gründen? Ich bin 2019 nach Nürtingen gefahren, weil Dr. Markus Strauß dort einen Vortrag darüber gehalten hat, wie man einen Ewilpa®️ gründen kann. Ich saß in der ersten Reihe und erinnere mich noch, dass es keine fünf Minuten gedauert hat, bis ich aufgezeigt und gesagt habe, dass ich einen Ewilpa®️ nach Mönchengladbach hole. Für jemanden, der das noch nie selbst erfahren hat, ist das vielleicht schwer nachzuvollziehen, aber es gab einen Impuls und dann habe ich da plötzlich für gebrannt. Und das hört seitdem auch nicht mehr auf.


Und was genau ist ein Ewilpa®️Das ist ein essbarer Wildpflanzenpark. Also ein Park für all die Pflanzen, an denen die meisten Menschen eher vorbei gehen oder sie wahrscheinlich im Garten als Unkraut bezeichnen würden. Die meiste Zeit unseres menschlichen Daseins haben wir uns von Wildpflanzen ernährt. Dieses Wissen ist verloren gegangen und sollte wieder zurückerlangt werden, ähnlich wie das bei der Permakultur der Fall ist. Ich gestalte meinen Ewilpa®️Mönchengladbach auch komplett nach den Prinzipien der Permakultur. Ich habe das gesamte Gelände und alle Begebenheiten dort so belassen, dass ich wenig von außen eingreifen musste, oder auch wollte, sodass sich automatisch ein natürlicher Kreislauf ergeben konnte.


Als ich das erste Mal von deinem Ewilpa®️Mönchengladbach gehört habe, dachte ich, dass es sich um einen kleinen innerstädtischen Park handeln würde, in dem es besonders viele Wildkräuter gibt. Dabei sind Wildkräuter selbst nur ein kleiner Teil der Pflanzen, die es dort gibt, oder? Ganz genau, deshalb heißt es ja auch Wildpflanzen. Es gibt ja beispielsweise auch Schlehen, Sanddorn, Brombeeren plus die ganzen alten Obstbäume, die es sonst kaum noch gibt. In meinem Ewilpa®️Mönchengladbach gibt es nur Sorten, die es früher gab, die aber nicht so viel Ertrag bringen, um auf Masse gezüchtet oder kultiviert zu werden.


Mit welchen Herausforderungen wurdest, oder wirst du, bei der Eröffnung konfrontiert? Also zunächst wurde mein Plan von der Stadt mehrmals abgelehnt. Auch heute noch ist das nicht so einfach. Ich muss um vieles kämpfen, zum Beispiel um die Wahrnehmung. Ich hatte anfangs wirklich mit Vorurteilen zu kämpfen. Wenn jemand von einer Behörde von Wildpflanzen noch nie etwas gehört hört hat, denkt er sofort, da käme eine Hippietante mit Schlappen vorbei. Wenn die einen kennenlernen, erübrigt sich das natürlich, aber anfangs stellte es ein Problem dar. Es ist auch gar nicht so einfach, ein geeignetes Gelände dafür zu finden.


Wie hast du dein jetziges Gelände gefunden? Das ist eine brachliegende Fläche in einer Gegend, in der ich auch aufgewachsen bin. Ich kenne dieses Gelände also schon länger, das liegt seit Mitte der 80er Jahre brach. Es dürfte auch nie Bauland werden, weil es eine Art Feuchtgebiet ist. Ich habe dann bei der Stadt eine Anfrage gestellt, ob diese Fläche für dieses Projekt zur Verfügung stünde und dann stand mir ziemlich schnell die Tür offen.


Was fasziniert dich an diesem Thema, dass du den Enthusiasmus hast, dich so sehr dafür einzusetzen? Back to the roots – zurück zu unseren Wurzeln. Es ist der Wahnsinn, was das auch jetzt schon mit meinen Helfern gemacht hat. Wenn man sich wieder seiner Ahnen zurückbesinnt, dann macht das ganz viel mit einem. Ehrliche Ernährung, es ist regional, saisonal und man kann auch beobachten, welche Tiere wieder zurückkommen. Selbst solche, die auf der roten Artenschutzliste stehen, weil sie einfach wieder die Nahrung vorfinden, die sie brauchen. Wir haben zum Beispiel unzählige Schmetterlinge, bestimmt 300 oder 400. Man macht das Tor auf und ist mitten in einem Paradies, das kann man nicht anders sagen. Es ist ein riesiges buntes Treiben und das kann man auf einem Foto auch gar nicht so festhalten. Meike Koppmann in ihrem ewilpaCopyright: Meike Koppmann

Wie hat man sich deinen Ewilpa®️Mönchengladbach in der Praxis vorzustellen? Er ist von einem alten Zaun umgeben, um den wir jetzt schon eine Totholzhecke angelegt haben und da nisten auch schon die ersten Vögel. Bei dieser Fläche handelt es sich, obwohl sie innerstädtisch ist, um eine nicht-förderungswürdige Fläche, weil diese Gegend eine Art Ghetto ist, das ich jetzt in einen vorzeigbaren Stadtteil umwandle. Ich kann keinerlei Fördermittel beantragen, was schon traurig ist. Dabei ist der Park nur 300 Meter von förderungswürdigen Bereichen der Stadt entfernt. 


Weißt du ungefähr, wie viele verschiedene Pflanzenarten es in deinem Ewilpa®️Mönchengladbach gibt? Als wir das Gelände umgepflügt haben, schoss das ganze Saatgut, das über 40 Jahre im Boden war, hoch und ist explodiert. Dadurch hatten wir dann von Anfang an schon über 100 Wildpflanzen da und dann habe ich das Gelände nochmal an die Pflanzen, die dann bereits da waren, angepasst und versucht die einzelnen Elemente, die wir vorher schon geplant hatten, drumherum zu gestalten. Wir haben in Zukunft bestimmt über 600 Wildkräuter, etwa 30 Sträucher und 19 alte Obstbäume. 


Ist alles, was bei dir wächst, auch essbar? Ja, absolut. Das ist die Grundbedingung, in den Ewilpa®️Mönchengladbach kommt nichts Kultiviertes rein! Alles, was da wächst, würde man wild regional finden – abgesehen von den Obstbäumen. Wobei man die auch finden würde, wenn man wüsste, wo die wachsen. 


Gibt es auf dem Gelände auch Räumlichkeiten? Ja, gibt es. Wobei das Problem erst war, dass auf diesem Gelände nichts abgestellt werden darf, nicht einmal ein Dixie-Klo. Als ich das erfahren habe, war das Projekt für mich eigentlich, zu dem Zeitpunkt dann zum vierten Mal, gescheitert. Und dann habe ich mich umgeguckt und den Kleingartenverein entdeckt, der direkt neben diesem Gelände ist und die gefragt, ob dort eine Parzelle frei ist, die im günstigsten Fall nicht so weit vom Ewilpa®️Mönchengladbach weg ist, damit Besucher nicht so weit gehen müssen. Und dann gab es genau einen einzigen freien Kleingarten und der liegt direkt neben dem Ewilpa®️Mönchengladbach. An der Stelle haben wir jetzt den Zaun aufgeschnitten und ein Tor reingebaut, damit es einen Zugang vom Ewilpa®️Mönchengladbach in meinen privaten Garten gibt, in dem ich dann auch ein Seminarhaus haben werde. 


Hast du schon Ideen für Veranstaltungen, die du – u.a. dann in deinem Seminarhaus – organisieren möchtest? Ja, ich plane einige Veranstaltungen wie Seifenkurse, Öl & Essig-Produktion, Powerballevents für Kinder, Yoga, Meditation oder einen natürlich Gärtnern Kurs mit der VHS zusammen. Außerdem plane ich eine Jungpflanzentauschbörse und eine Saatguttauschbörse.


Wie wird das aussehen, wenn der Park offiziell eröffnet hat: Läuft man als Besucher dort dann während der Öffnungszeiten herum, snackt sich durch die Pflanzen und erntet ungefragt Lebensmittel für den eigenen Bedarf ab? Also zunächst müssen die Wildpflanzen dort erstmal wachsen. Bis wir dahin kommen, dass abgeerntet werden kann, dauert es noch mindestens ein Jahr. Dann sprechen wir ungefähr von einer Masse, mit der man in Richtung Selbstversorgung gehen könnte. Wenn jemand beispielsweise Giersch kennt und den gerne in Masse abpflücken möchte, dann könnte er das tun. Ich denke aber, dass ich – zumindest am Anfang – Pflücktermine machen werde. Dass ich vorne ein Schild aufstelle, wenn wir gerade besonders viel von etwas dahaben, das dann gepflückt werden kann. 


Welche Rolle spielen Wildpflanzen auf deinem persönlichen Speiseplan? Ich ernähre mich tatsächlich zu 90% von Wildpflanzen. Während andere in einen Supermarkt zum Einkaufen gehen, renne ich in die andere Richtung, nämlich in den Wald und hole da mein Essen. Wenn man weiß, was man essen kann, klappt das selbst im Winter bei Schnee noch gut. Zum essbaren Teil von Wildpflanzen zählen ja auch Knospen, Wurzeln, Blätter und Nüsse. Manches, wie Schlehen oder Sanddorn, ist im Winter auch erst reif. Es gibt auch wilde Winteräpfel.


Was gefällt dir an dem Konzept der Kulinarischen Schnitzeljagd? Also erstmal, dass ihr die Möglichkeit gebt sich – auch zu dieser Zeit – sichtbar zu machen und entdeckt zu werden. Und dann finde ich es per se auch immer schön, wenn Menschen von außen die Möglichkeit bekommen, zu einem zu kommen und einen kennenlernen zu können. Bei manchen gibt es ja auch Barrieren, die trauen sich nicht unbedingt von selbst zu kommen. Und dann sind solche Veranstaltungen immer einladend, um mal vorbeizugehen und sich das anzugucken. Nachher ergibt sich da wohlmöglich etwas draus. 


Worauf freust du dich am Eventtag der Kulinarischen Schnitzeljagd am meisten? Auf die Menschen! Es kommt immer auf die Menschen an! Ich liebe es, wenn ich sehe, dass bei den Menschen irgendetwas passiert in dem Moment, in dem sie vorbeikommen.  

Die Kulinarische Schnitzeljagd ist eine Genusstour, bei der die Teilnehmer ihre Stadt neu erschmecken, allein oder mit Freunden, auf dem Rad oder anders.