Zwischen Erfolg und Existenzängsten: Diese Gastronomen bezwingen Corona

Corona und dessen Auswirkungen auf unser alltägliches Leben bringen viele Menschen und Industrien an ihre Grenzen. Seit Januar letzten Jahres verbreitet sich das Virus auch in Deutschland, das sich binnen kürzester Zeit zu einer Pandemie entwickelte. Im März 2020 kam der erste Lockdown. Neben der Kultur-, Veranstaltungs-, und Tourismusbranche gehört die Gastronomie zu den größten Leidtragenden.


Restaurants, Cafés, Kochschulen, Bars und Imbisse mussten ihre Türen schließen. Dies führte bei vielen zu einem vorübergehenden Stillstand und daraus resultierender Langeweile. Doch wie sagte einst der deutsche Aphoristiker Peter Rudl? „Kreativität: der natürliche Feind der Langeweile. Nichts fürchtet sie mehr.“ Auch Studien aus jüngster Vergangenheit belegen: Langeweile fördert die Kreativität! 


Bereits im April, der immer noch im Zeichen des Lockdowns stand, ploppten die ersten neu entwickelten und der Zeit der Isolation angepassten Konzepte aus dem Boden. Stefania Lettini, Inhaberin des italienischen Feinkostladens Lettinis in Düsseldorf zählte zu den Ersten, die aus der Not eine Tugend machte. Anfang April startete sie unter dem Titel „Lettinis A Casa“ Live-Online-Tastings. Die digitale Verkostungsreihe-Reihe kam so gut an, dass sie innerhalb eines Jahres mehr als zehn Mal wiederholt wurde, natürlich immer mit einem anderen Themenschwerpunkt. Im Oktober 2020, als sich bereits der nächste Lockdown anbahnte, kam mit „Cooking A Casa“ ein weiteres Format hinzu, nur dass hierbei gemeinsam gekocht und nicht verkostet wird. 



Lettinis Tasting A CasaCopyright: Kulinarische Schnitzeljagd
Auch die deutsch-türkische Kochschule KochDichTürkisch, die einst durch ihre Kochvideos bei Youtube bekannt wurde, ging im April 2020 live. Die Inhaber Orhan und Orkide Tancgil kochten digital und live vor den Augen ihrer Online-Zuschauer türkusche Speisen. Wer wollte, konnte sich die wichtigsten Produkte in ihrem Onlineshop bestellen, um mitzukochen. Über den Sommer bauten sie dieses Format so aus, dass sie ihre ursprünglich geplanten Präsenzkochkurse ins Digitale transferierten.

Während die einen also völlig neue Konzepte aus dem Boden stampften, bauten andere ihre Onlineshops aus, starteten mit Liefer- und Abholservices.


Nach einem Sommer, der trotz strenger Hygienemaßnahmen einen Hauch Normalität vorgaukelte, verschärfte sich die Lage im Herbst erneut. Zum Leidwesen der ohnehin schon gebrandmarkten Branchen: „Wir fühlen uns von der Regierung allein gelassen“, sagt Angelika Wiesner des Ratinger Restaurants Süsse Sünde und Meer. „Wir versuchen die Zeit zu überstehen und hoffen, dass unser Restaurant 2021 sein 10-jähriges Jubiläum feiern kann.“ Um das Abholgeschäft, das sie von freitags bis sonntags anbieten, kümmert sie sich mit ihrem Mann alleine, „weil sich Personal einfach nicht rentieren würde.“ 


Auch Rafael Dreyer von Manducare – Steaks, Burger & Co. in Mülheim an der Ruhr kennt die Problematik nur zu gut: „Wir mussten viel Personal entlassen, das schon seit dem ersten Tag dabei war. Unser Unternehmen befindet sich in einer richtigen Misslage und das To-Go-Geschäft rentiert sich leider überhaupt nicht, die Kosten sind nicht tragbar“, sagt er. „Viele Außenstehende gehen davon aus, dass wir Hilfe bekommen und es uns gut geht, aber das entspricht einfach nicht der Wahrheit!“ Deswegen wandte er sich zusammen mit seiner Partnerin Anke Rumpelt Mitte November in einem Video mit eindringlichen Worten an die Öffentlichkeit. Um endlich mal Klartext zu reden, wie er selbst im dazugehörigen Posting schrieb. Und dann gibt es noch die Restaurants, die nicht einmal einen Abhol- oder Lieferservice anbieten können: „Das ist bei unserem Konzept leider nicht möglich“, erzählt Lutz Flierenbaum von Abaccos Steakhouse in Bonn. „Wir wollen hochwertiges Fleisch quasi auf dem heißen Stein servieren und das geht leider nicht als To-Go-Geschäft.“ Deshalb sind während der Lockdowns alle sechs Filialen geschlossen – ein finanzielles Desaster.


Gizem Bulut und Judith Grünewald von FilMeaCopyright: FilMea
Wie so vieles im Leben hat aber auch alles zwei Seiten. So gibt es auch während der Pandemie Geschäftsmodelle, die von dem veränderten Alltag unter dem Lockdown profitieren: Frank Pätzold betreibt zusammen mit seiner Frau den Bochumer Feinkostladen EssIch: „Ich habe kaum Einschränkungen durch die Lockdowns, eher im Gegenteil: Viele Menschen verbringen lieber einen schönen Abend Zuhause und kaufen dafür gerne bei mir im Feinkostladen ein. Außerdem verkaufe ich auch viele Grundnahrungsmittel wie beispielsweise Essig und Öl“, berichtet er. Eine Entwicklung, die auch Gizem Bulut beobachtet. Sie betreibt zusammen mit Judtih Grünewald den Unverpacktladen FilMea in Mönchengladbach: „Wir spüren eine sehr positive Veränderung. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Leute Zuhause selber kochen müssen und deswegen einfach öfter bei uns einkaufen gehen.“


Natürlich hatten wir alle gehofft, dass der erste Lockdown im Frühling 2020 der erste und letzte gewesen ist. Nun kam es aber anders und die Gastronomen werden erneut herausgefordert. Ein kleiner Lichtblick sind die Konzepte, die während des ersten Lockdowns entwickelt wurden und nun fortgeführt und ausgebaut werden können. Und das letzte Jahr hat uns bereits gezeigt: Im Sommer wird alles wieder besser werden. Wir sollten den Kopf also nicht in den Sand stecken, sondern uns viel mehr auf die uns bevorstehenden Kulinarischen Schnitzeljagden freuen. Bei denen wir unsere Stadt neu erschmecken und die Gastronomen hautnah kennenlernen und mit unserem Einkauf bei ihnen unterstützen werden!


Die Kulinarische Schnitzeljagd ist eine Genusstour, bei der die Teilnehmer ihre Stadt neu erschmecken, allein oder mit Freunden, auf dem Rad oder anders.