Gizem Bulut und Judith Grünewald von Fil Mea in Mönchengladbach im Interview

Gizem Bulut ist studierte Gesundheitsmanagerin, Judith Grünewald Medienmanagerin. Bereits kurz nach dem Studium wagten sich die beiden in das Abenteuer Selbstständigkeit. Hätten sie nicht den Unverpackladen Fil Mea eröffnet, wäre Gizem ihrer Meinung nach vermutlich in einem ausbeuterischen Agenturjob gelandet, während Judith selbstständig als Videoproduzentin unterwegs wäre.

Die Idee für den Laden entstand, als sie noch in Köln lebten. In der Dommetropole ist das Konzept bereits sehr verbreitet und die damaligen Studentinnen zählten zur Stammkundschaft örtlicher Unverpacktläden. Als sie Freunde und Familie in ihrer Heimat Mönchengladbach besuchten, stellten sie fest, dass es dort jedoch keinen konventionellen Unverpacktladen gab. Das musste sich eindeutig ändern! Also zogen sie zurück und eröffneten im Dezember 2019 ihren Laden. Die größte Herausforderung? Die Mönchengladbacher von einem nachhaltigen und vor allem veganen Lebensstil zu überzeugen.

Mitte März habe ich die beiden per Videoanruf interviewt und mit ihnen über den außergewöhnlichen Namen ihres Ladens, die Vorteile des unverpackten Einkaufens und ihren Arbeitsalltag gesprochen.

Der Name eures Ladens, Fil Mea, irritiert auf den ersten Blick. Es dauert ein bisschen, bis man versteht, dass man ihn auch als „viel mehr“ begreifen könnte – war diese Irritation Absicht? Wie seid ihr auf diesen Namen gekommen? Gizem (lacht): Nicht wirklich. Wir hätten auch nicht gedacht, dass dieser Name für viele so ein Problem ist. Den Sinn dahinter kann man eigentlich auch nicht verstehen, wenn der einem nicht erklärt wird, aber auch die Aussprache scheint ein Problem zu sein. Es wird ausgesprochen wie „viel mehr“ und die Leute assoziieren, durch das „fil“ eher „abfüllen“ und mit dem „mea“ ein „me“. Wie „füll mich ab“. Der Grund, warum wir den Namen ausgewählt haben, ist, weil es ein Phantasiename ist. Wir wollten nichts, was es schon irgendwie gibt und es vermittelt trotzdem das, wofür wir mit unserem Laden stehen: Wir wollen dafür sorgen, dass die Leute nicht denken, dass nur weil sie jetzt nachhaltiger leben und bewusster einkaufen, dass sie da auf irgendetwas verzichten müssen. Dieser Punkt ist uns ganz wichtig und deswegen ist es schön, dass sich das auch im Namen widerspiegelt.

Eure Einrichtung erinnert so gar nicht an viele andere Unverpackt- oder Ökoläden. Ihr benutzt viele geometrische Formen, habt ein gradliniges Design. Wie seid ihr darauf gekommen? Gizem: Uns war super wichtig, dass wir nicht aussehen, wie jeder andere Unverpacktladen. Bei dem Logo haben wir mit einer Design-Agentur zusammengearbeitet und da war unsere Vorstellung schon im Vorfeld richtig konkret. Wir wollten nichts Schnörkeliges und es so minimalistisch wie möglich haben. Sowohl im Logo, als auch im Laden. Wir wollten harte Kanten, weil das Thema schon so weich ist. Da wollten wir Gegensätze haben. Beton und Minimalismus waren die Anforderungen, die wir hatten. Unser Innenarchitekt hat das dann mega umgesetzt. Judith: Ich glaube auch, dass wenn Leute keine Veganer sind oder aus Gladbach kommen und bei denen das Thema generell noch nicht so weit ist, würde man sie abschrecken, wenn man ihnen einen stereotypischen Öko-Laden vor den Latz knallen würde. Bei uns ist das so, dass Leute manchmal einfach reinkommen und sagen „ich wollte nur mal gucken, das sieht ja total schön hier aus“ – das eröffnet einfach eine andere Art der Kommunikation. Das Thema ist für die Leute zugänglicher. Manchmal kommen Leute auch nur Kaffeetrinken, gucken sich hier um, und sagen „ja ok, eigentlich macht das ja voll Sinn, was ihr hier macht.“  Außerdem war das Einkaufserlebnis für uns auch wichtig. Ich persönlich als Konsumentin gucke ja auch: Sieht es da gut aus? Fühle ich mich da wohl? Ist es da sauber? Entspricht das meinen Ästhetikvorstellungen? – Dann gehe ich da einkaufen. Produkte sind austauschbar.

Die Preise in Unverpacktläden sind – verglichen mit verpackten Produkten in Supermärkten – etwas höher. Dabei gibt es keine Verpackung, die mitgezahlt werden muss und der Kaufaufwand ist etwas zeitintensiver. Wie kommuniziert ihr das kritischen Neukunden? Gizem: Was das Preisniveau anbelangt, muss man uns auf jeden Fall mit einem Bio-Supermarkt vergleichen. Wir haben ja auch ausschließlich Bio-Produkte. Wenn man da den Vergleich zieht, liegen wir preislich teilweise sogar drunter, da gibt es unterm Strich keinen Unterschied. Vom Aufwand her: Ja, man muss bewusster und vorbereiteter in die Planung reingehen, aber ob es wirklich so viel mehr Zeit im Endeffekt kostet, weiß ich gar nicht, weil wir nur einen kleinen Raum haben, in dem alle Produkte ganz nah beieinander sind. Wir haben von jedem Produkt nur eine Ausführung. Das heißt, wenn ich Kürbiskerne will, dann muss ich mich nicht entscheiden, von welcher Marke ich die jetzt hole und dann noch im Kleingedruckten gucken, was pro 100 g günstiger ist. Wir haben uns auch bewusst für zwei Kassen entschieden, weil wir es unseren Kunden so angenehm wie möglich machen wollen. Oft ist es auch so, dass wir viele Produkte schon einscannen, während die Kunden noch einkaufen gehen, damit es noch schneller geht. Vieles füllen wir dem Kunden dann auch selber ab, wenn die Kapazitäten da sind. Wir sind schon sehr serviceorientiert. Ich glaube, das wiegt dann diese ganzen Nebengeschichten, dass man vorbereitet einkaufen muss, wieder auf. Judith: Es ist ja auch so, dass viele Leute bei uns Zeit verbringen und mit uns reden möchten. Meistens hat es eher einen Büdchen-Charakter. Die Leute kennen uns, suchen schon seit längerer Zeit Gleichgesinnte und sind dann zwar emotional aufgeladen, was das Thema Nachhaltigkeit anbelangt, haben in ihrer eigenen Familie vielleicht keinen Raum dafür und dann sind wir für sie da.  Deswegen sind wir auch immer zu 2. da, weil natürlich auch viel erklärt werden muss.

Mal eine ganz blöde Frage: Woher wisst ihr das Mindesthaltbarkeitsdatum der Produkte und wie kommuniziert ihr es an die Kunden, wenn es keine Verpackung gibt, auf der das draufsteht? Gizem: Wir kriegen ja große Chargen pro Produkt und auf diesen Chargen, das sind meistens Säcke, steht das Mindesthaltbarkeitsdatum drauf. Wir schreiben dann aber nicht nur das MHD auf jede Röhre, sondern auch die Chargennummer. So ist das wirklich safe, dass die beiden Sachen auch zusammengehören. Die Kunden müssen dann selbst auf das MHD achten. Das Gute an unseren Produkten ist, dass sie ewig haltbar sind. Judith: In der Regel etwa 2 Jahre. Und selbst wenn eine getrocknete Kichererbse drei Jahre im Schrank steht, ist das nicht schlimm. Deswegen haben wir vom Gesundheitsamt auch die Einschätzung Null erhalten. Gizem: Nicht, dass wir die Lebensmittel dann noch verkaufen würden, wenn sie abgelaufen wären. Wir verschenken sie dann. Wir hatten anfangs zum Beispiel 20 kg Kokosflocken, die nicht mehr lang genug haltbar waren und die verschenken wir noch bis heute. Die sind immer noch gut, aber die dürfen wir nicht mehr verkaufen.

Wie sieht bei euch bei euch im Moment ein normaler Tag aus? Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Gizem: Nach dem Ladenaufmachen, gegen 9:30, räumen wir erstmal die Spülmaschine aus, bestücken die Kasse und verteilen die Schaufeln. Die werden immer abends eingesammelt und gespült. Musik an und dann können wir schon loslegen, weil wir am Vorabend alles andere erledigt haben. Dann werden leere Röhren aufgefüllt, Staub gewischt, weil wir viele schwarze Oberflächen haben – da müssen wir mehrmals täglich staubwischen. Kunden bedienen – was machen wir denn sonst den ganzen Tag? Judith: Bürokratie: Emails beantworten, die Homepagepflege, unsere Flyer, Fotos aus dem Laden machen. Wir sind im Moment noch komplett alleine und haben keine Unterstützung im Verkauf, sodass wir sagen könnten, wir bleiben mal zwei Tage Zuhause und machen zwei Bürotage in der Woche. Ab und an geht beim Abfüllen auch etwas schief, sodass wir häufig etwas aufsaugen müssen, weil jemand aus Versehen zu viel abfüllt. Wir möchten ja, dass es für jeden Kunden wieder frisch aussieht. Gizem: Manchmal haben wir auch während des Betriebes Termine mit Kooperationspartnern oder gestern hatten wir zum Beispiel eine Kindergartengruppe da, die sich den Laden angeguckt hat und Judith hat ein bisschen was erzählt. Es ist einerseits jeden Tag etwas anderes und andererseits auch nicht. Viel gleich, viel anders.

Was schätzt ihr an der kulinarischen bzw. gastronomischen Szene in Mönchengladbach? Gizem: Dass es viele kleine inhabergeführte Läden gibt, die sich wirklich bemühen. In Köln setzt du dich in ein Café und die Bedienung mault dich an, dass du da überhaupt hingehst – die sind so wahnsinnig unfreundlich. In Gladbach ist es ein bisschen familiärer und netter. Da kommen die Besitzer des Cafés und reden mit dir. Das ist nochmal eine ganz andere Nähe als in Köln. Judith: Und es gibt schon Orte, die auch versuchen, vegane und ökologische Gerichte zu machen, wie zum Beispiel das Café Kosmo in Rheydt oder das Frenzen.

Ihr nehmt am 19.09. an der Kulinarischen Schnitzeljagd teil: Was gefällt euch an dem Konzept? Gizem: Ich finde am Konzept cool, dass man die eigene Stadt mal anders kennenlernt. Ich würde wahrscheinlich privat nicht in alle Läden gehen, die bei der Schnitzeljagd mitmachen. Aber wenn es Teil der Route wäre und ich eine Teilnehmerin wäre, würde ich mir diese Läden trotzdem mal angucken. Man lernt dadurch neue Läden kennen und manche bieten ja auch eine vegane Alternative an. Ich glaube, in Städten wie in Mönchengladbach, denken viele, dass Veganer nur Steine und Gras essen. Diesen Menschen eine Alternative anzubieten, die sie probieren können, weil man es ohnehin kriegt, ist ein positiver Effekt. Judith: Das macht den lokalen Handel auch konkurrenzfähig. Man kann als einzelner nicht immer die Kraft aufbringen, übertriebenes Marketing zu machen und auch ein Gemeinschaftsgefühl hinter einzelnen Aktionen in der Stadt zu erzeugen. Wenn dann jemand wie die Kulinarische Schnitzeljagd daherkommt und allen Läden einen gemeinsamen Nenner verpasst – ich glaube, das ist auch förderlich für B2B-Geschichten. Neukunden sind immer klasse und die brauchen wir auch alle. Aber mal neue Namen zu hören, die man vielleicht selber nicht auf dem Schirm hat, kann man dann auch für sein eigenes Geschäft nutzen.

Was habt ihr für Erwartungen an den Tag? Worauf freut ihr euch? Gizem: Ich kann das gar nicht einschätzen. Ich bin total gespannt. Ich habe an dem Tag auch Geburtstag, deswegen werden wir das gemeinsam mit allen Leuten, die uns einen Besuch abstatten, feiern. Erwartungen habe ich keine, ich freue mich da einfach nur drauf. Es kann ja nur gut werden. Judith: Ich finde es auch immer spannend die Meinung von Leuten zu hören, die sich nicht mit nachhaltigem Leben beschäftigen. Das wird – denke ich mal – die breite Masse sein. Das finde ich spannend, weil das für die Leute immer ein Aha-Effekt ist. Die stehen davor und denken sich: „Boar, das habt ihr alles? So einfach ist das?“ Und das ist auch für uns, für die Message, die wir verfolgen, mega wichtig.

Interview: Jana Leckel

Fotos: Şeyma Esma Özkan